Schwule Mütter im kalten Polar
Lenin bricht das Eis (und eine Lanze für EMF und Readymade)
Neulich als ich spätnachmittags durch die süße Frühlingsluft meines lebens- und farbenfrohen Stadtteils schlenderte, passierte ich drei Knaben im Alter von geschätzten elfeinhalb, die sich dem für Ihre Spezies typischen Zeitvertreib hingaben: mit zwei kleineren Stöcken und einem Holzschwert aufeinander einschlagen unter lautstarkem Verkünden frei improvisierter Verbalinjurien, deren Vokabeln beim größeren Bruder aufgeschnappt, zwar noch nicht ganz verstanden, aber stilsicher im Ordner „krass“ abgespeichert wurden.
Knabe 1: „ey alder, dein‘ Muttä is schwul!“
Knabe 2: „na un alder, dein‘ Muttä steht auf Hetero-Männer!“
So weit, so rätselhaft. Dass man auch schon in diesem jungen Schusteralter am besten bei seinen Leisten bleibt, dürfte der nette Gesprächsbeitrag des dritten Beteiligten unterstreichen:
Knabe 3: „fick disch alder, dein‘ Muttä arbeit‘ bei Megdonnels! Als Fett!“
Nun, natürlich musste ich tief und breit in mich hineinschmunzeln,
aber Sie, liebe Leser, haben jetzt hoffentlich ernst und mahnend die kulturkritische Stirn in Falten gelegt. Schließlich: „Dieser Text ist nicht lustig. Bitte machen Sie sich Sorgen!“ (H.R.Kunze)
Ich musste spontan an Herbert Grönemeyer denken und seinen Blödmannssong aus den Achtzigern
Kinder an die Macht, dessen Kernaussage wohl sein sollte, dass die Welt doch viel friedlicher wäre, wenn statt uns bösen, kriegstreiberischen Erwachsenen die ach so zarten und verspielten Heranwachsenden das gesellschaftliche Sagen hätten. Was die naivste Verkennung der Lage gewesen sein dürfte, seit Neville Chamberlain freudestrahlend ein Stück Papier über seinem Kopf schwenkte.
Vermutlich wusste Herr Grönemeyer, der zwar bekanntlich ohne Vokale singt
(„h‘b Fl’gz‘ge in m’nem B’ch“), dem ich eine gewisse Intelligenz aber durchaus unterstelle, selbst, dass seine Forderung ein klein wenig zu lennonesk ausgefallen war, um als ernstzunehmendes Statement durchzugehen.
Aber die Peer-Group, wir hatten damals den Zenit des Öko-Zeitalters, machte sich derlei Schmarrn nur allzu bereitwillig zu eigen. Irgendwie war die Öko-Generation auf interessante Weise präfixiert auf Kinder.
Während heute im großen und ganzen gesellschaftlicher Konsens darüber herrscht, dass z.B. die Erdrosselung eines schreienden Babys oder die Prügelstrafe für ein quängelndes Kleinkind durch den Notwehrparagraphen gedeckt sind, genossen die Blagen seinerzeit eine Art Heiligenstatus.
Nirgendwo lachtränendrüsenstimulierender festgehalten als auf der Platte
Kinder und Narren der zum Karriereende hin zu einer Art satirischem Abziehbild der ganzen Bewegung (vulgo zu „Vollöks“) mutierten
Grobschnitt. Quasi als Klimax dieses Albums (Konzept-Album, klar) sprechen ein paar Kleinkinder folgende Sätze in die Rillen:
„Wir waren bei euch, doch wir gehörten euch nie.
Ihr durftet uns Liebe geben, doch nie eure Gedanken,
denn wir haben unsre eigenen Gedanken.
Ihr dürft versuchen uns gleich zu werden,
doch versucht nie, uns euch gleich zu machen.
Denn das Leben läuft nicht rückwärts – noch bleibt es im Gestern.“
Also, mal nicht nur „im Gestern“ sondern auch im Ernst: So geht’s halt bei aller Liebe nicht!
Bin ja selbst Sozialisierter dieser Ära, geringschätze Auto- und Motorradfahrer, finde Atomkraft total nein danke, liebe den Wald und versuche, Menschen gegenüber
love und nicht
war zu maken, aber bei solch fußnägelkräuselerregender Kindergärtnerlyrik darf man sich am Ende auch nicht wirklich wundern, wenn die nachwachsende Generation sich lieber als eine Horde stumpfer, sackhosetragender Legastheniker geriert, deren Kommentar zum Thema vermutlich etwa so ausfallen dürfte: „Alder, wenn die Kindä wolln, solln die Viagra nehm un mich nich midso schwule Geseiä zuteksen.“
Grobschnitt haben, das sei der Fairness halber erwähnt, auch mindestens eine sehr schöne Platte gemacht, namens
Illegal. Bei deren Produktion wurde zwar auch schon ein wenig zu viel gekifft, aber immerhin schaffte es das darauf verewigte Stück
Silent Movie bis zur Hintergrundmusik des allmorgendlichen Segelflugwetterberichts (!?) im Hessischen Rundfunk. Ja, da möchte man dann doch herzlich gratulieren.
Und während Segelflugwetterberichte heutzutage etwas an massenmobilisierender Zugkraft und Omnipräsenz eingebüßt haben: Kinder und Narren gibt es wahrlich noch zur Genüge auf diesem Planeten.
Viel ausgeprägter noch als ihre Affinität zu Kindern war die Leidenschaft der Menschen in den achtziger Jahren für: Eis.
Sie denken jetzt an speckige Reiterhofmädchen vorm Dorfplatzcafé Venezia, aber es geht hier nicht um Speiseeis – Genuss jeglicher Art war in jenen Zeiten eher verpönt – es geht um weitaus mehr. Um Eis als des Deutschrockers daseinsbegriffliche Kernmetapher, sowohl zur Verortung der persönlichen emotionalen Befindlichkeiten wie der gesellschaftlichen Zustände im allgemeinen. Nicht etwa „Ice, Ice, Baby“ (Vanilla Ice), sondern vielmehr „Fire and Ice“ (W. Bogner). Nämlich so:
„Kalt oder heiß, kalt oder heiß,
alles oder nichts, gib mir Feuer oder Eis“ (Münchner Freiheit)
Ständig ist es präsent, allüberall wimmelt es von Herzen aus Eis oder Herzen unter Eis, erfrierenden Herzen, gebrochenem Eis, Blicke aus Eis, Eis, Eis, Eis.
Die gesamte prekäre Lage wurde offenbar als „Eiszeit“ (Peter Maffay) wahrgenommen oder zur Abwechslung als „Eiszeit“ (Ideal).
Wenn dann doch mal was ging zwischen den Geschlechtern – „und das Eis beginnt zu tauen“ (Udo Lindenberg) – dann war jedenfalls „Feuer unterm Eis“ (Ulla Meinecke) resp. „Feuer im Eis“ (City) und er bzw. sie war mit großer Wahrscheinlichkeit „so schön wie Blumen aus Eis“ (Karat) bzw. hatte „Feuer, das ist kalt wie Eis“ (Ina Deter).
Als interessanter Scheinseitensprung durfte auch mal „zu viel Hitze im Tiefkühlfach“ (Falco) herrschen, oder jemand war ausnahmsweise nur „kalt wie ein Stein“ (Herwig Mitteregger), aber die eiskalten Engel behielten die Fäden in der Hand, einer mochte gar „ein Eisbär sein im kalten Polar(!?)“ (Grauzone).
Selbst wer sich damals noch zum Anti-Establishment zählte, trank zumindest „eisgekühlte[n] Bommerlunder“, und es gab sogar tatsächlich einen wöchentlichen Fernseh-Breakdancekurs unter der Leitung eines schrulligen Bajuwaren namens Eisi Gulp. (Letzteres hat natürlich nichts mit dem Rest zu tun, musste aber unbedingt mal wieder in Erinnerung gerufen werden.)
„Glas“ konnte in der Bundesliga des Metapherndreschens ab und an einige Achtungserfolge für sich verbuchen – Liebende aller Zeiten sind schließlich in erster Linie fragil und zerbrechlich, also sind Herzen auch schon mal aus Glas – und auch der scheinbar unwiderstehliche „Tanz auf dem Vulkan“ erhob stetig Anspruch auf einen Champions-League-Platz. Aber niemals stand die unangefochtene Tabellenführung von Eis ernsthaft in Frage.
Der Kurs „Selbst Gedichte schreiben – für Schwangere ab dem dritten Monat“ der Volkshochschule Gütersloh war offenbar ganz Rockdeutschlands zentrale lyrische Inspirationsquelle.
Nicht, dass ich mich darüber echauffieren würde – als ich so alt war wie die Jungs vom Beginn der Kolumne, habe ich auch solche Texte geschrieben. Es ist vielmehr das humoristische Potenzial, das wie so oft im oberflächlich Fürchterlichen schlummert, auf welches hinzuweisen einmal mehr mein Begehr war. Und besagte Ära hält fürwahr eine schier unerschöpfliche Portion Schmunzelfutter bereit. Verzeihen Sie mir also bitte, wenn ich in meinen Kolumnen immer mal wieder darauf zu sprechen komme.
Werfen wir aber nun einen Blick auf aktuellere Ereignisse in der Welt der Hausfrauenlyrik.
Da, wie Sie vielleicht wissen, unlängst mein erstes Buch erschienen ist, und ich seitdem erstmals wieder eine Kolumne in vergleichbarem Stil schreibe, entsteht hier sozusagen, falls ich die chronologische Reihenfolge auch für zukünftige Bücher wählen sollte, der
opener zu meinem zweiten Album. Und das birgt zweifellos eine Reihe künstlerischer Risiken.
Viel hängt bekanntlich vom berühmten ersten Eindruck ab; das Lesevolk ist gespannt und schaut genau hin: Ist er härter geworden oder mainstreamiger?, glatter oder rauher? ist der Sound besser oder anders?, rockt er noch?, das sind so die Kriterien nach denen die erste Kolumne im Zweitwerk hinterfragt wird.
Nun, ich habe mir ein, zwei Gedanken gemacht (siehe Einschub), doch bleibe ich diesbezüglich relativ gelassen, denn ich weiß, die wahre und entscheidende Frage ist eine ganz andere.
Tödlich für die Karriere wäre nämlich nur eins: Wenn das erste Buch einfach zu gut war.
Deine erste Platte darf alles sein außer perfekt. Ist sie gar noch innovativ und perfekt, definiert also sozusagen ein neues Genre, dann ist das schnelle Ende gänzlich unabwendbar.
Einschub: die nun folgende Abhandlung ist nicht lustig und wird vermutlich nur wirklich musikinteressierten Menschen lesenswert erscheinen. In der Singleversion dieser Kolumne, wurde der Part daher auch gänzlich gestrichen. Im Gesamtkontext der Platte hingegen spielt er eine wichtige dramaturgische Rolle, weil es mir darum ging, bereits im opener anzudeuten, wohin die Reise auf diesem neuen Album gehen soll: deutlich mehr Prog-Einflüsse, hier und da auch mal ein sperriger Part oder ein ausgedehnteres Solo. Darauf sollten Sie sich gefasst machen.
Wem Musik größtenteils am Arsch vorbei geht, der kann sich das folgende sparen und direkt zum letzten Absatz skippen, sollte aber auch grundsätzlich sein Glück vielleicht eher bei anderen Autoren suchen...
Zwei wahllos ausgesuchte aber treffende Beispiele für meine oben aufgestellte These möchte ich hier mal etwas näher beleuchten.
Beginnen wir mit den
Epsom Mad Funkers, besser bekannt unter dem Kürzel
EMF.
Die klassische Kaltstartkarriere: schon wenige Monate nach Bandgründung von Parlophon-Scouts entdeckt, direkt ins Studio gejagt, und nur ein Jahr später in ganz Westeuropa in den Charts und sogar Nummer Eins in den Vereinigten Staaten.
Hauptsächlich wegen einem einzigen Song; einem Song mit der berühmten Killerhook, bei der jeder A&R-Manager sofort mit Dollarzeichen in den glasigen Pupillen vor Freude ums Carré hüpft; einem Song, so einfach und auf den Punkt, dass er noch heute zum Standardrepertoire jedes Ü-30-Disko-Abends gehört:
Unbelievable
Nebenbei verkauften die Jungs auch zwei Millionen Alben ihres Erstlingswerks
Schubert Dip, und wenngleich
EMF ursprünglich, wäre es nach der Plattenfirma gegangen, zweifellos als Teenie-Helden fürs BRAVO-Publikum verheizt werden sollten, so brachten sie doch eine Platte zustande, die nicht nur auch für Erwachsene hörbar war, sondern ganz und gar stilbildend für eine völlig neue Jugendkulturnische, die alsbald als „Rave“ ihren Siegeszug um die Welt antreten sollte. This was new, this was funky, this was weird!
Sänger James Atkin konnte eigentlich überhaupt nicht singen, aber als einer der ganz wenigen, die mit diesem Massenschicksal zu kämpfen haben, gelang es ihm, durch Entwickeln eines ganz eigenen, eher rezitativen, und damit immer im engen, ihm zur Verfügung stehenden tonalen Spektrum bleibenden Stils, diesen Malus zu kompensieren, und zugleich seiner Band damit noch eine ganz eigene Duftnote, also den wichtigen Wiedererkennungswert zu verleihen. Dass er nebenbei nicht versäumte, den Zuhörern z.B. nahezubringen, dass
EMF ja auch für „Ecstasy Motherfuckers!“ stehen könnte, zeigt, dass er auch die Klaviatur des Teenagerbeeindruckens zu spielen verstand.
Live zwar nicht wirklich gut, dazu waren sie wohl einfach noch zu jung, aber für das größtenteils noch viel jüngere Publikum ausreichend albern angezogen und immerhin über einen Keyboarder verfügend, der mehrmals während des Sets einfach seine Synthies auf den Boden oder von der Bühne warf.
Menschen unseres Alters und Reifegrads wissen selbstverständlich, dass Keyboarder anstellen können, was sie wollen; sie werden niemals cool sein. Aber Sechzehnjährige meinte man wohl mit derlei Radau noch hinterm Ofen hervorlocken zu können.
Zur Bezeichnung der sich schnell zum Massenphänomen mausernden neuen musikalischen Welle benutzte man seinerzeit auch häufig die etwas ausführlichere Vokabel „Manchester- bzw. Madchester-Rave“. Epsom allerdings ist ein Kaff im Speckgürtel Londons.
Dies ist wiewohl nicht der Grund, warum
EMF in diesem Zusammenhang heute, obwohl sie sozusagen die Referenzplatte geliefert hatten, meist gar nicht erwähnt werden. Eher war es die für den guten Ruf grundruinöse Trias aus Teenie-, Chart- und Parvenü-Band, die den Jungs anhing und die einflussreiche Musikpresse sozusagen zu einer kritischen Abwehrhaltung vorverpflichtete. Anders als etwa
Happy Mondays,
The Farm,
Northside und wie sie alle hießen (natürlich schickte jede Plattenfirma im Eiltempo ihre eigenen Bewerber ins Rennen – selbst
Blur sind in diesem Umfeld groß geworden – andere wie die
Soup Dragons oder die in Großbritannien bis heute nahezu beatleoid verehrten
Stone Roses passten sich flugs an, um auf den Zug mit aufzuspringen), galten
EMF in Indie-Kreisen niemals als „amtlich“.
Das Ende vom Lied: So schnell wie Epsoms berühmteste Söhne an die Spitze der Hitparaden gestürmt sind, so schnell waren sie von dort auch wieder verschwunden.
Und kamen nie wieder. Denn das ist ja die eigentliche Moral dieser Geschichte: Wenn Du mit deinem ersten vernehmbaren Lebenszeichen bereits alles richtig gemacht hast, dann kannst Du mit allem Nachfolgenden eigentlich nur noch scheitern.
Natürlich schrieben sie nie wieder einen Song, der in puncto Hitpotenzial an
Unbelievable heranreichen konnte. Und auch sonst wurden in der Folge paradigmatische Fehler gemacht, wie man sie in ähnlich gelagerten Fällen bis heute immer wieder beobachten kann.
Die zweite Platte, der Anfang vom Ende: Immer schwierig, weil immer unter großem Erfolgsdruck zu meistern; nebenbei meist unter sehr ungünstigen kreativen Rahmenbedingungen – schreiben Sie mal einen weiteren Welthit, wenn Sie gerade im dreizehnten Monat einer anderthalbjährigen Europatournee, noch dazu Ihrer ersten, verfangen im tiefen seelischen Abgrund zwischen morgendlicher Touralltagsdepression und abendlichem Drogenrausch, in irgendeinem Club-Backstageraum in Südnorwegen auf den Soundcheck warten.
Und noch dazu erlagen sie dem auf ewig zum Scheitern verurteilten Versuch, der nächsten Platte ein bißchen mehr „Live-Sound“ zu gönnen. Das Ergebnis klingt dann zumeist so wie
Stigma,
EMFs zweite. Einfach nur ein kleines bißchen schlechter als die erste. Und wenn die Songs, aus oben vorgeschlagenen oder welchen Gründen auch immer, ebenfalls alle eine Spur schlechter sind, dann hat man es schon verwirkt, und die verheißungsvolle Karriere geht im Rekordtempo den Bach runter. So geschah’s.
Schubert Dip war einfach eine nicht zu schulternde Bürde.
Die Chronistenpflicht gebietet zu erwähnen, dass einige Jahre später noch eine dritte, gänzlich aus dem Ruder gelaufene Platte folgte, nämlich
Cha Cha Cha. Hier versuchten
EMF, der Rave-Express war längst aufs Technogleis abgebogen, sich musikalisch „weiterzuentwickeln“, freilich ohne den Hauch einer Ahnung wohin eigentlich. Das Resultat ist niederschmetternd und stellenweise fast unhörbar, was aber im Grunde auch schon egal war. Sie hätten statt
Cha Cha Cha auch das weiße Album schreiben können – es hätte niemand gewürdigt, weil schon lange keiner mehr hinhörte. Dass sie schließlich ausgerechnet mit einem Cover des Ballaballa-Songs
I’m a believer der
Monkees einen letzten Hauch von Rampenlicht erheischten, hat schon beinahe etwas von Dorfbierzeltauftritten gealterter deutscher Schlagersänger. Eine traurige Geschichte.
Um kurz in aktuell vielleicht relevanteres Fahrwasser zu wechseln, wage ich jetzt hier mal die Prognose, dass der deutschen, vor einiger Zeit senkrecht gestarteten Combo
Wir sind Helden ein ähnliches Schicksal blüht. Zu gut war einfach die erste Platte, zu harm- und mutlos das Folgewerk. Die Halbwertszeit wird etwas länger sein, vermutlich werden sie eine bessere dritte Platte hinlegen als
EMF, sie sind ja auch keine reine BRAVO-Band und nicht die Vorreiter einer „Bewegung“, aber der Rauschzustand des Karrierestarts wird sich nie wieder heraufbeschwören lassen. So weit die Prognose.
Man hätte als prominenteres Beispiel eigentlich auch
Nirvana ins Feld führen können, aber da hinkt der Vergleich insofern, dass sie nicht wie Phönix aus der Asche kamen, und
Nevermind nicht ihr allererstes Lebenszeichen war. Dafür erledigte Kurt Cobain das Scheitern an der Bürde dann um so endgültiger.
Besser ist es offenbar, zum Beginn der Karriere noch eine Weile sympathisch rumzustümpern, sich von Platte zu Platte zu steigern, und erst so mit der vierten oder fünften (der ersten wirklich guten) dann allerdings nachhaltigen Weltruhm zu erlangen. Bis dahin ist die Fanbase gefestigt, die Erfahrung groß genug – aus Fehlern wird man bekanntlich klug – und die Plattenverträge ausreichend langfristig, dass eigentlich nichts mehr schief gehen kann. Vor allem haben sich die Stümperbands durch ihre Stümperjahre die unerlässliche Zugehörigkeit zu irgendeiner Szene als lebenslanges Faustpfand erspielt. Und selbst der Mainstream-Konsument kauft ja am liebsten Sachen, von denen er denkt, dass sie irgendwie auch, äh, „szenig“ sind, gerade weil er selber nie irgendwelchen erlesenen Zirkeln angehörte. Reine Chartbands haben einfach keine treuen Fans.
Die Vorzeigekarriere haben in dieser Hinsicht
U2 hingelegt, in Deutschland
Die Toten Hosen. Und die Tatsache, dass letztere auf Grund ihrer frühen Platten bis heute von großen Teilen der Bevölkerung als „Punkband“ fehlwahrgenommen werden, macht das oben ausgeführte vielleicht ein wenig anschaulicher.
Ich möchte Ihnen noch eine zweite Geschichte, die in diesen Reigen passt, erzählen, wenngleich in diesem Fall Verkaufszahlen eines weit geringeren Ausmaßes im Spiel sind. Aber es geht mir ja, wie so oft, vornehmlich darum, Sie auf weithin unentdeckte oder sträflich unterbewertete musikhistorische Perlen aufmerksam zu machen. Ihnen die „Rosen im Asphalt“ (Wolf Maahn [achtziger Jahre siehe oben]) zu zeigen, die Augen bzw. Ohren zu öffnen. Ein Mensch mit Hang zur linkischen Ausdrucksweise könnte sagen, ich befände mich „in Missionarsstellung“.
Schauen wir uns also noch eine weitere Band etwas genauer an, nämlich
Readymade.
Vier kaum erwachsene Jungs aus Wiesbaden machen eine Indieschraddelgitarrenplatte:
It Doesn’t Make Sense. Natürlich nicht stilbildend in diesem Fall, denn sie huldigten ja nur den Göttern einer im angloamerikanischen Raum längst etablierten Szene, aber Mann: Was für ein Kracher! Ohne mich lächerlich machen zu wollen, behaupte ich: Eine bessere Platte aus diesem Genre, und ich besitze „hunderte, ach was, dutzende“ (frei nach Obelix), findet sich in meiner ganzen Sammlung nicht.
Und das wunderschöne
Stromgitarre, ein skurriles Instrumental mit einem kurzen gesungenen Part, dessen Text davon handelt, das dieses Stück leider keinen solchen hat, wird bis heute hier und da von guten Indie-DJs mit sardonischem Grinsen durch die Boxen gepfeffert. Stünde das Wort „Indieschraddelgitarrenmusik“ nicht längst im Duden – es müsste eigens für diesen Song erfunden werden.
Als deutsche Band ohne Airplay war die Reichweite von
It Doesn’t Make Sense naturgemäß erst mal gering. Jedoch die in der Branche nie zu unterschätzende Mund-zu-Mund-Propaganda wirkte. Die nächste Platte (
Snapshot Poetry) durfte also nicht bloß gemacht werden, sie wurde schon heißhungrig erwartet. Wie üblich legten Band und Plattenfirma nun etwas mehr Wert auf die notorische „Radiotauglichkeit“. Ein Song ward gar als Titelmusik für einen Uwe-Ochsenknecht-Film ausgewählt und eine Tour mit den ungleich erfolgreicheren
Sportfreunde Stiller stand vor der Tür.
Dies ist genau der Moment in der Vita einer Band, wo Du denkst: Jetzt geht’s endlich richtig los!
Allein, nichts ging los.
Der Film floppte, die Tour wurde zu 97% von Teenagern besucht, die sich ausschließlich für die
Sportfreunde interessierten, und das deutsche Formatradio blieb trotz designierter Smash-Hits wie
D-major Day und
Supernatural weiter immun. Schlimmer noch: die treuen Fans der ersten Stunde waren etwas enttäuscht vom Übermaß der Balladen, ein wenig mehr
edge hätte man dem Album schon gewünscht.
Doch noch ging es ja ein paar Jährchen weiter. Und immer war man „ganz nah dran“ (Morgenrot). Es durfte ein weiteres Mal mit den inzwischen zum Establishment gehörenden
Sportfreunden getourt werden, die ein oder andere Split-EP mit artverwandten Bands sprang auch heraus (dummerweise erschien ausgerechnet das furchtbare
Ultravox-Cover
Dancin‘ With Tears In My Eyes auf einem sehr gut verkauften VIVA-Fast-Forward-Sampler), und für die dritte Platte (
The Feeling Modified) wurde endgültig zum großen Wurf ausgeholt: Studio in England, Streicherarrangements, Synthieteppiche, eben das ganze Mastschwein gehen, wie man ebenda zu sagen pflegt.
Leider alles schlechte Ideen!
Studio in England? Für die Musiker vielleicht ein Traum, für die Crew vor Ort vermutlich: „Next three weeks we‘ve got these Germans. Never heard of them. All the indispensable persons, please take your holidays now!“ Die Produktion entsprechend lauwarm und lieblos. Kurz: keine schlechte Platte, dafür war Zach Johnson ein zu begnadeter Songschreiber, aber erneut ein kleines bißchen schwächer als das Vorgängeralbum. Die Audiomedien ließen sich immer noch nicht becircen, typischerweise wird in solchen Situationen auch noch irgendeiner aus der Band nebenbei Vater oder so, und also kam was kommen musste:
Split! Over! Alles für die Katz! Trauriges Ende einer der vielleicht talentiertesten Bands, die sich in Deutschland jemals gründeten. Nie talentiert genug für den Mainstream, dafür fehlten Zach auch einfach die Stimme und das live-Charisma, aber mit ausreichend Vermögen, um einer erklecklichen Zahl von wirklichen Musikliebhabern über Jahre hinweg Freude zu bereiten – wären die Gesetze des Musikmarktes andere und diese Geschichte ein wenig glücklicher verlaufen.
EMF hatten sich wenigstens anderthalb Jahre am Ruhm der Glamourwelt laben dürfen,
Readymade haben allenfalls für Sekundenbruchteile daran geleckt.
Spaß gemacht hat’s, das sei bei aller Tragik nicht vergessen, vermutlich trotzdem – Musiker sein ist so oder so immer noch eine der schönsten Beschäftigungen, denen ein Mensch im Leben nachgehen kann.
Lange Rede, kurzer Sinn: ich hoffe, mein erstes Buch war nicht so supertoll.
Eher sympathisch stümperhaft eben.
Um ehrlich zu sein: genau so schätze ich selbst es ein, deshalb mache ich frohgemut weiter. Rechnen Sie also mit mir. In vier, fünf Jahren werde ich unter dem derzeitigen Arbeitstitel „Der Baum des Propheten Josua“ eine Kolumnensammlung abliefern, die ihresgleichen sucht, und dann können Sie allen sagen: „ich kenn den schon von den allerersten Demos damals im SuperLupo“, können mit
Mukkefuck-und-Schrippen-T-Shirts zu meinen ausverkauften Lesungen kommen, um dem Pöbel zu zeigen, dass Sie verdammte Fan-der-ersten-Stunde-Credibility haben, und ich werde Sie im Gegenzug verschonen, wenn ich zum Höhepunkt der Show ein Mädchen aus der Menge zerren lasse, mit der ich auf der Bühne Blues tanze. Stattdessen werde ich anschließend backstage mit Ihnen ein paar Gläser Apfelwein trinken, und Sie, vermutlich durchaus ernstgemeint und interessiert, nach Ihrer Meinung zu dem neuen Meisterwerk befragen.
Übrigens: Fast alle Menschen, denen ich bislang mein Buch überreichte, haben nie wieder ein Wort darüber verloren. Das könnte man als, mir gegenüber dezentes, Unmutsäußerungsunterdrückungsverhalten deuten, aber für so schlecht halte ich mich gar nicht.
Ich glaube eher, dass es einfach keiner gelesen hat.
„Alder, hasdu Buch geschriem? Cool, stell isch in mein Regal. Abä hassdu auch Webbsaid?“
Ja, habe ich:
http://www.djlenin.de
Downloads (sofern verfügbar) zur didaktischen Ergänzung des Lehrmaterials:
Grobschnitt –
Silent Movie und
Illegal (aus dem Album
Illegal)
Grobschnitt –
Die Kinder ziehen zum Strand (aus dem Album
Kinder und Narren)
EMF –
Children,
I Believe und
Admit It (oder jeden anderen Track aus dem Album
Schubert Dip)
EMF –
Blue Highs,
Getting Through und
Dog (aus dem Album
Stigma)
Readymade –
All These Things,
Stromgitarre und
When I Grow Up (oder jeden anderen Track aus dem Album
It Doesn’t Make Sense)
Readymade –
D-Major Day,
Supernatural und
A Massive Overdose of Communication (aus dem Album
Snapshot Poetry)
Readymade –
The Graduate (aus dem Album
The Feeling Modified)
Readymade –
Sushi in Tokyo (von der Single
The Graduate)